Bewegung ist das halbe Leben
Der sportliche, gesellige Treffpunkt für den Mann
, Schwyter Heinz M.

Genuss- und Kulturreise in den Jura

On parle français. Während die einen sich locker unterhalten konnten, mussten die anderen tief im Verborgenen die französischen Wörter hervorholen. Dies tat aber der Reise der Männerriege Turbenthal in den Jura keinen Abbruch. Bei schönstem Wetter wurde einmal mehr eine schöne Region der Schweiz «entdeckt»!

Eigentlich ist der Bettag der schlechteste Reisetermin für eine Gruppenreise. Gefühlt die halbe Schweiz war an diesem Wochenende unterwegs. Dies zeigte sich bereits auf den Bahnhöfen und dann in den Zügen. Leider machte die SBB dem Reiseleiter einen Strich durch seine Planung, war doch der Speisewagen von Zürich in die Westschweiz geschlossen. Die 16 Männerriegler erreichten aber ohne Probleme den Bahnhof Neuchâtel, wo zuerst eine Kaffeepause nötig war. Mit dem Regionalzug ging es weiter ins Val de Travers.

Asphalt ist nicht Teer

Das liebliche Val de Travers wurde nicht nur wegen des Absinth bekannt. Bis 1986 wurde hier Asphalt abgebaut. Und diese Mine war der erste Höhepunkt der Reise. Im dazugehörenden Restaurant wurde ein im Asphalt gebackener Schinken und zum Dessert ein Absinth-Parfait serviert. Ein wirklich gelungener Auftakt für die nachfolgende Führung tief im Berg. Stéphane, unserer Begleiter, wusste viele Anekdoten und Daten zum Aufstieg und Niedergang der Asphalt-Mine zu erzählen.

Die Asphaltminen von La Presta waren früher das Prunkstück der Neuenburger Industrie. In der Blüte beschäftigte die Gesellschaft über 100 Personen. Die Arbeit war schwer, aber nicht vergleichbar mit dem Untertagabbau in einer Kohlenmine. Auch Unfälle ereigneten sich im Vergleich viel seltener. Vor allem wurden praktisch keine Toten beklagt. Begonnen hat alles im Val de Travers im Jahre 1711, als der griechische Arzt Eirini d’Eirinis die ersten Steine im Tal entdeckte. Der Wissenschafter interessierte sich zuerst für die therapeutische Wirkungen des Asphalts. Zuerst wurde im Tagbau gearbeitet. Ab ca. 1830 startete dann der Abbau bei La Presta. 1873 kam die Mine in den Besitz eines englischen Unternehmens, der Neuchâtel Asphalte Company Ltd. (NACO). Später wurde die Firma von einem der grössten Strassenbauunternehmen Europas aufgekauft. Asphalt unterstand wie das Salz einem staatlichen Nutzungsrecht, dem Regal. Der Preis pro Tonne lag 1873 bei ca. 5 Franken, am Ende des Betriebes wurden ca. 15 Franken bezahlt.

Laue Sommernacht in Neuchâtel

Aus logistischen Gründen übernachtete die Männerriege im Kantonshauptort. In Neuchâtel ist alles in Gehdistanz: Bahnhof, Hotel, Altstadt, Restaurant, See. Das in der Altstadt gelegene Restaurant Brasserie Le Cardinal ist ein wahres Kleinod. Die Jugendstileinrichtung sorgt für ein in der Schweiz wohl einmaliges Ambiente. Das im 18. Jahrhundert am Fusse der Burg errichtete Gebäude liegt zwischen den alten Stadtmühlen und dem Flussbett des Seyon; seit 1902 ist ein Restaurant darin untergebracht. Beim Eintreten in die Brasserie sticht das für die Belle Époque typische Jugendstildekor sofort ins Auge: Farbige Fliesen, auf denen Wasservögel und Wildblumen, Märchenschlösser, Pfauen und exotische Papageien inmitten von Fantasielandschaften dargestellt sind, zieren die Wände. Die Aussenfassade wurde unter Heimatschutz gestellt, als das erste Inventar der zu schützenden Gebäude der Stadt aus dem Jahr 1905 fertiggestellt wurde. Das Restaurant wurde nach einem der ersten Besitzer benannt: Der Kardinal von Freiburg hatte von 1907 bis 1940 sein Bier in der berühmten Brauerei ausgeschenkt. Die Brasserie Le Cardinal, von den Einheimischen liebevoll «Le Cardoche» genannt, ist zu einem unumgänglichen Treffpunkt in Neuenburg geworden.

Der herrliche Spätsommerabend lockte zum Flanieren und zum draussen am See Sitzen.

Jeden Jahrgang im Keller

Am Sonntag ging es zuerst zu Fuss hoch ins Centre Dürrenmatt. Der grosse Schriftsteller und Maler wohnte mit seiner Familie hoch über Neuchâtel. Nach seinem Tod ging sein literarischer Nachlass an die Eidgenossenschaft über.  Die zweite Ehefrau von Dürrenmatt, Charlotte Kerr Dürrenmatt, stellte das Wohnhaus mit dem Garten der Eidgenossenschaft zur Verfügung. Allerdings mit der Auflage, dass alles in das Gesamtkonzept nach den Plänen von Mario Botta integriert werden solle. Vor 25 Jahren wurde das Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN) eröffnet.

Ein Germanistikstudent führte die Männerriegler durchs Haus. Er wusste viele Anekdoten zu erzählen. Vor einer Fotografie eines Weinkellers meinte er, dass Dürrenmatt seine Gäste jeweils mit einer Flasche Bordeaux überraschte, welche den gleichen Jahrgang trug wie der Gast. Da können selbst die Weinliebhaber unter den Männerrieglern nicht mithalten.

Gemütlicher Ausklang

Bei schönstem Spätsommerwetter schlenderte die Gruppe am Seeufer entlang zur alten Frauenbadi. Das im 19. Jahrhundert vom Architekten Léo Châtelain erbaute Gebäude, erlaubte Frauen und Kindern einen privilegierten Zugang zum Wasser und zum Bad – geschützt vor neugierigen Männerblicken. Das «Bains des Dames» ist der letzte Zeuge von 17 derartigen Etablissements, die es einmal in Neuenburg gab. Das Gebäude wurde 2006 restauriert und beherbergt seither ein Restaurant.

Mittlerweile zogen dunkle Wolken auf und erste Regentropfen fielen. Während der Fahrt mit dem Schiff «Petersinsel» schüttete es wie aus Kübeln. Die liebliche Landschaft entlang Neuenburger- und Bielersee versank im Grau. Die Stimmung litt aber keinen Moment, selbst die Jasser waren zufrieden. Die Tageskarten waren auf diesem Ausflug in den Jura gut genutzt: SBB, Ortsbus, Kursschiff, SBB und zuletzt Postauto. Eine perfekt organisierte Reise, danke Melchior.